Aus der Geschichte für die Zukunft lernen

Schulministerin Sylvia Löhrmann besuchte die Oberbrügger Grundschule, um sich über die Bilungspartnerschaft mit den VdK und dem Kreisarchiv zu informieren. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Schulministerin Sylvia Löhrmann besuchte die Oberbrügger Grundschule, um sich über die Bilungspartnerschaft mit den VdK und dem Kreisarchiv zu informieren. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis

Pressemeldung vom 22.03.2017
| Zugegeben, das Thema Zwangsarbeit in der heimischen Region ist keine leichte Kost und eins der vielen dunklen Seiten der Geschichte des 2. Weltkriegs. Aufgrund der Vorarbeit von Klassenlehrerin Judith Herbers und Sozialpädagogin Verena Effgen vom VdK waren die Oberbrügger Grundschulkinder auf die Materie aber gut eingestimmt. So gelang es Archivar Ulrich Biroth anhand von anschaulichem Fotomaterial aus dem Kreisarchiv und konkreten Beispielen zu den Lebensumständen von Zwangsarbeitern in Halver, die Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse in seinen Bann zu ziehen. Als Beispiel wählte er den 16 jährigen Jungen aus der Ukraine. Nur ein Schicksal von 13.000 Zwangsarbeitern, die während des Zweiten Weltkriegs in allen Kommunen des Kreises, zumeist in Firmen und in der Landwirtschaft gearbeitet haben und deren Daten das Kreisarchiv sammelt. Vermutlich hatte der Ukrainer den Werbeversprechen der Deutschen geglaubt und seine Heimat verlassen, um mit seiner Arbeit in Deutschland seine Familie zu Hause miternähren zu können. 1944 kam er mit wenig Gepäck nach Oberbrügge, um in der Firma Grote 10 bis 12 Stunden am Tag körperlich hart zu arbeiten. Doch der Lohn war karg und reichte kaum für das eigene Überleben: „Zwangsarbeiter erhielten gerade mal 750 Gramm Kartoffeln oder Steckrüben, 350 Gramm Brot – oft mit Sägemehl gebacken, 20 Gramm Margarine und 40 Gramm Wurst oder Fleisch pro Tag“, hielt Biroth den Kindern das Elend der Arbeiter aus den besetzten Gebieten in Polen, Russland und der Ukraine vor Augen. Pakete aus der Heimat halfen auch nicht die Not zu mildern, da pro Päckchen nur 250 Gramm erlaubt waren. Mit 10 bis 12 Leuten in einem Zimmer hausten sie in unwirtlichen Baracken. Durch die großen Aufnäher an ihrer Kleidung waren sie für heimische Bevölkerung bereits von weitem als „fremde Zwangsarbeiter“ erkennbar und gemieden. Dabei stand ´P` für Polen und `Ost` für Russland und Ukraine. Deutsche, die Zwangsarbeitern heimlich Nahrungsmittel zusteckten, mussten mit Bestrafungen rechnen. „Als die Amis die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen schließlich 1945 befreit hatten, durften immer noch nicht alle nach Hause“, erklärte Biroth. In ihren Heimatländern galten sie oft als Vaterlandsverräter und Feinde. Viele wurden in Sibirische Arbeitslager verschleppt. Biroth appellierte an die Schüler: „Lasst euch von niemandem einreden, dass jemand wegen seiner Religion, seiner Hautfarbe, seiner Herkunft oder Rasse weniger wert sei als andere!“
Daran knüpfte Ministerin Sylvia Löhrmann an und suchte das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern. Nicht zuletzt dank der engagierten Friedenserziehung an der Schule wurde schnell deutlich, dass die Kinder schon sehr für den Umgang miteinander und den Umgang mit Vorurteilen sensibilisiert sind. Löhrmann würdigte das Engagement der Kinder. „Ihr habt viel geleistet! Aus der Beschäftigung mit der Vergangenheit lernen wir für die Zukunft“. Besonders beeindruckt zeigte sie sich, dass sich die Oberbrügger-Grundschüler bei der Gründung der Bildungspatenschaft im Juni 2016 spontan dazu bereit erklärt, die Pflege für die fünf Gräber von Zwangsarbeitern auf dem nahegelegenen Ev. Friedhof zu übernehmen. Landtagsabgeordneter Gordon Dudas überredete die Kinder zu einem kleinen Experiment, das zeigen sollte, wie viele Gemeinsamkeiten die Menschen doch untereinander haben. Als Kreisvorsitzende des VdK freute sich Landrat Thomas Gemke gemeinsam mit VdK-Landesgeschäftsführer Peter Bülter über den unerwarteten Erfolg der Bildungspartnerschaft. „Ich war am Anfang skeptisch, ob das funktionieren kann“, gab Gemke zu. Gespannt blickt er auf die weiteren Aktivitäten im Rahmen der Zusammenarbeit.
Die bisherigen Ergebnisse des Projekts haben die Grundschüler auf Stellwänden dokumentiert. Schulleiter Bernd Ritschel erinnerte in diesem Zusammenhang an die Beteiligung der Schule bei der Gestaltung des Volkstrauertags mit rund 150 Besuchern. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern der 4. Klasse legte die angereiste Prominenz anschließend Blumen am Mahnmal auf dem Schulhof nieder. Vier Kinder trugen ein Gedicht vor. „Das habt ihr toll gemacht“, sagte die Ministerin und überreichte den Kindern ein Buchgeschenk für die Schulbibliothek. Im Namen der Schule revanchierte sich Bernd Ritschel mit einem von den Grundschülern gefertigten Vogelhäuschen.

Hintergrund:

Im Rahmen der Landesinitiative „Bildungspartner NRW – Gedenkstätte und Schule“ ist die Schule Oberbrügge die erste Grundschule in Nordrhein-Westfalen, die Kriegsgedenkstätten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft als außerschulische Lernorte entdeckt. Am 28. Juni 2016 wurde die Bildungspartnerschaft zwischen dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge NRW und dem Kreisarchiv des Märkischen Kreises geschlossen. Das Kreisarchiv verfügt über viele historische Quellen zu den Themen erster und zweiter Weltkrieg und zu den Lebensbedingungen von Zwangsarbeitern in der Region. Mit einem Mahnmal direkt vor dem Gebäude und zwei Kriegsgedenkstätten auf dem ca. 300 Meter entfernten evangelischen Friedhof ist der Wirkungskreis für Grundschulkinder überschaubar gewählt. Fünf sowjetrussische Kriegsgefangene und sechs deutsche Soldaten des 2. Weltkrieges liegen hier begraben. Eindrucksvoll sind auch die Geschichten um die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in der Landwirtschaft oder heimischen Betrieben untergebracht waren.

Schulministerin Sylvia Löhrmann lobte das Engagement der Schulkinder und bedankte sich mit einem Geschenk. Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Schulministerin Sylvia Löhrmann lobte das Engagement der Schulkinder und bedankte sich mit einem Geschenk. Foto Ulla Erkens/Märkischer Kreis Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Ulrich Biroth vom Kreisarchiv brachte den Grundschülern die Lebensbedingungen von Zwangsarbeitern anhand von Fotos und konkreten Beispielen nahe. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Ulrich Biroth vom Kreisarchiv brachte den Grundschülern die Lebensbedingungen von Zwangsarbeitern anhand von Fotos und konkreten Beispielen nahe. Foto: Ulla Erkens/Märkischer Kreis
Zuletzt aktualisiert am: 22.03.2017